au revoir et a bientot

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Unser Blog macht nun erstmal Pause. Wir haben gut die Hälfte der Strecke auf der Traumstraße in den Süden zurückgelegt – und setzen unsere Reise auf der RN7 baldmöglich fort. Allen, die uns während der vergangenen Woche bei unserer ersten Etappe begleitet haben, sagen wir dafür herzlichen Dank – nicht zuletzt dem Team bei Opel Classic, die uns und unseren Blog durch die Leihgabe ihres Kapitän-Modells großzügig unterstützt haben.

Wir melden uns rechtzeitig, bevor wir weiter fahren durch die Provence und entlang der Cote d’Azur und freuen uns, wenn dann möglichst alle unserer Nutzer und Leser dann wieder dabei sind.

Bis dahin grüßen herzlich

Wolfgang Groeger-Meier (Fotos) und Michael O.R. Kröher (Text)

N7_Thierry-Dubois Merci Thierry Dubois. Vielen Dank Thierry für café, Deine Unterstützung und viele Tipps.

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N7_pub.1Zu ihrer großen Zeit war die RN7 alles mögliche: Verkehrsader, Straße der Sehnsucht und Traumstraße in den Süden, eintöniges Asphaltband, Unfallschwerpunkt, und Lärmquelle. Zudem versammelte sich dort ein nicht unerheblicher Teil der Öffentlichkeit: Zu Ferienzeiten blickten täglich zigtausend Augenpaare in die Vorgärten und auf die Felder links und rechts der Trasse, aber auch auf die Hauswände, Plakatflächen und Garagen- und Scheunentore. Die Landstraße bündelte also mehr Aufmerksamkeit als manche Lokalzeitung.

N7_pub2Von den 1940er bis in die 70er Jahre nutzten die Werbetreibenden gern jeden verfügbaren Quadratmeter links und rechts der RN7 für ihre Reklame. Für die Besitzer dieser Werbeflächen bot das Vermieten eine willkommene Einnahmequelle. Vor allem Alkoholika, aber auch Treibstoffmarken, Reifen, Öle und ähnlicher Automobilbedarf wurde beworben: mit grellen Farben, die heute verblasst und abgeblättert sind, mit spektakulären Schriftzügen und mit Slogans, die in Sekundenbruchteilen begriffen werden konnten. Länger hielt die Aufmerksamkeit der Menschen nicht, wenn sie in ihrem Renault 4CV, in einem Citroen 11CV „Traction avant“ oder einem Peugeot 203 vorbeieilten.

N7_pub3Die großen, einstmals bunten oder gar grellen Reklameflächen bilden heute eine eigentümliche Kulisse: wie aus einem alten Film, und einen milden Kontrast zum hektischen Fernverkehr. Ihre Botschaften wirken heute wie eine Flaschenpost aus fernen Jahrhunderten. Oder wie das Funksignal einer unbemannten Raumsonde, die vor langer Zeit in einer kaum bekannten Zivilisation gestartet ist und automatisch immer weiter sendet, was Fremde früher einmal für wichtig oder wenigstens für mitteilenswert erachtet haben.

N7_pub4Die Nostalgie, die sie vordergründig wecken, lässt ihre Betrachter rätseln oder wehmütig werden, je nach Temperament oder Laune.

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Lob der Landstraße

N7_route1Nichts gegen Autobahnen! Wer darauf angewiesen ist, auf eigener Achse und möglichst zügig von einem Punkt A zu einem weiter entfernten Punkt B zu gelangen, der ist mit nichts anderem gut bedient. Ferntransporte auf der Straße wären zum Beispiel ohne Autobahn-Nutzung unmöglich – zumindest in dem heute erforderlichen Tempo.

N7_route2Und: Selbstverständlich sind Landstraßen vielerorts eine Belästigung für die Menschen in ihrer Umgebung, eine Belastung für die Natur. Manchmal auch für ihre Benutzer.

Vor allem die Geschädigten neigen dazu, die großen Vorzüge der Landstraße zu unterschätzen. Diese zeigen sich vor allem bei traditionsreichen Strecken wie etwa dem Alaska Highway, der amerikanischen Route 66 oder eben der Route Nationale 7. Diese Verkehrswege waren – und sind! – zum Teil noch die Lebensadern für halbe Kontinente. Sie ermöglichen nicht nur den Gütertransport in hinreichendem Umfang, sie bringen auch Menschen und ihre Kultur in Regionen, die ohne diese Landstraßen unzivilisiert bleiben würden.

Auch in Mitteleuropa bedeuten Landstraßen nicht nur Lärm, Unfälle, Abgas und Feinstaub. Sie bilden vielerorts die Basis für Wohlstand: etwa für die Busse der Berufspendler oder für die Versorgung von Industrie und Gewerbe. Das Departement Allier hat zum Beispiel ermittelt, dass 80 Prozent des Lkw-Verkehrs auf seinen Landstraßen zum Nahverkehr gehören. Abseits der Autobahnen fährt also die Mehrheit der Brummis zum Wohl der regionalen Wirtschaft, kann deshalb nicht umgeleitet oder gar ausgesperrt werden.

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Es wird daher Zeit, über die Rolle, die Aufgaben und die Möglichkeiten der Landstraße neu nachzudenken, auch über ihre Nutzung im Individualverkehr.

N7_route4Gilbert Bouchet tut das gerade sehr gründlich. Bei einem Besuch in den USA hat der Bürgermeister der Kleinstadt Tain l’Hermitage im Department Drome erkannt, dass die Route Nationale 7 Frankreichs – „oder, wenn man so will: Europas“ (Bouchet) – Pendant zur amerikanischen Route 66 ist. Dass sie ähnliche Mythen bereithält und ähnliche Bedeutung hat für die Entwicklung der Regionen, die sie zu ihrer großen Zeit erschlossen hat. Der Bürgermeister sieht in der RN7 „eine der Säulen“, die seine Stadt und seine Region trägt, vergleichbar etwa mit der Rhone – Tain liegt am Ostufer – oder mit dem Weinbau, dem ältesten und bis heute bekanntesten Wirtschaftszweig.

Bouchet hat deshalb einen Verein („Association“) aller Gemeinden gegründet, die wie Tain von der RN7 durchquert werden. Gut 60 machen derzeit mit, 90 könnten und sollten es werden. Ziel ist, die Nationale 7 wieder attraktiv zu machen für Individualreisende und Touristen. Nicht für jene, die auf dem schnellsten Weg von Nizza nach Paris wollen oder von Nevers nach Aix. Die nehmen sowieso entweder das Flugzeug oder sie setzen sich in den TGV. Bouchet und seine „Association“ – Chef ist übrigens Thierry Dubois, der große Chronist der N7, der schon den Hauptplatz in Tain mit seinen Comiczeichnungen über die Geschichte der Nationale 7 im Department Drome verziert hat – wollen nun eine neue Form des Tourismus für die RN7 entwickeln, die ihre besten Seiten nutzbar und erlebbar macht, ihre große Tradition und ihr Vermächtnis als Verkehrs- und Lebensader.

„Fernverkehrswege wie die französischen Routes Nationales haben einen hohen kulturellen Wert“, sagt Gilbert Bouchet. Er setzt sich daher dafür ein, dass sie als „Nationales Kulturerbe“ anerkannt werden, in Frankreich ein wichtiger Titel, der unter anderem auch Geld für die Pflege und Unterhaltung des so ausgezeichneten Kuturguts bringt.

Aktuell arbeiten Bouchet und seine Mitstreiter aber an einem konkreteren Coup, der die RN7 nicht nur als musealen Wert erhält, sondern zukunftsfähig machen würde: Entlang der historischen Trasse soll die erste Kette von Schnellladestationen für Elektroautos in Frankreich entstehen. „Alle 150 Kilometer eine Ladestation, das bringt die modernen, lärm- und emissionsfreien E-Mobile auf die N7“, sagt Bouchet. „Diese entlasten die Anwohner – und bringen zugleich die Menschen in die Region, die sich für deren Attraktionen interessieren, als Touristen Geld ausgeben und unsere Wirtschaft ankurbeln“.

Eine sprachliche Besonderheit kommt dem Projekt zugute. „Ladestation“ heißt auf Französisch „Borne“ – und ist das selbe Wort wie „Kilometerstein“. Die alten Bornes mit dem roten Halbrund am oberen Ende sind wiederum schon immer das Symbol für die Route Nationale 7.

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Tempo! – Tempo?

N7_RoutiersJeden Abend fehlen uns mindestens zwei Stunden. Wo ist die Zeit geblieben, die wir nutzen wollten, um den Tag geruhsam oder genüßlich oder in einer Kombination von beidem ausklingen zu lassen?

Getrödelt haben wir gewiss nicht während der gut acht Stunden, die wir täglich auf der Straße verbringen. „Unser“ Opel Kapitän, Baujahr 1956, läuft zwar problemlos 110 Stundenkilometer; am wohlsten fühlt er sich aber zwischen 80 und 90. Dann klappert nichts, und die Windgeräusche vom Außenspiegel, den Klappfenstern und Windabweisern halten sich in Grenzen. Dennoch haben wir die 120 Kilometer, die wir im Tagesschnitt auf der Nationale 7 zurücklegen, kaum vor 18 Uhr beendet.

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Reisen wir also mit falschem Tempo? Halten wir zu oft an, etwa um zu fotografieren? Fahren wir zu oft in die Innenstädte – etwa in Montargis oder Moulins, in Vienne oder Valence? Gucken wir zu viel nach alten Autos in den Werkstätten am Weg, auf der Gegenspur? Reden wir zu lange mit den Menschen, die uns ihre Geschichten mit der RN7 erzählen, ihre Sorgen und ihre Hoffnungen mit uns teilen?

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Klar: Reporter sind keine Rallyeteams, bewegen sich nicht „nach Gebetbuch“ und mit vorgegebenen Geschwindigkeiten fort. Denn für uns ist die Nationale 7 nicht einfach ein Mittel zum Zweck, sondern unser Thema. Dem wir nachspüren, das wir gern und oft ausloten – und dabei auch ausweiten.

Trucker und andere Langstrecken-Piloten betrachten das Asphaltband bloß als Verbindung zwischen zwei Punkten, als Tragfläche für ihre Fahrzeuge und als Abrollareal für ihre Reifen. Uns bringt es hingegen unerwartete Erlebnisse, die manchmal zu Abenteuern ausarten, und zu neuen Erkenntnissen – die wir gern teilen mit euch, den Lesern und Nutzer dieses Blogs.

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Eigentlich ist dies ein schöner Zustand: Vorankommen, ohne auf die Tube zu drücken, ohne strampeln oder rudern zu müssen.

Was aber ist die „richtige“ Reisegeschwindigkeit für Menschen, die ohne den professionellen Anspruch eines Reporterteams auf einer Straße wie der RN7 vorwärtskommen wollen? Was ist bequem, und was verschafft die schönsten Reise-Erlebnisse? Stimmt ab – mit Hilfe unseres Antwortenkatalogs. Oder schreibt uns eure Kommentare!

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Welcher Reisetyp bist du?

Angenommen, du hättest – wie die Autoren dieses Blogs – eine Reisestrecke von rund 1000 Kilometern vor dir, wolltest etwa die Route Nationale 7 von Paris bis zur italienischen Riviera mit dem Auto befahren. Wie würdest du planen, vorgehen, die Strecke bewältigen? Welcher Reisetyp bist du?

Der Streckenmacher – Du teilst die Gesamtstrecke in größtmögliche, aber immer noch praktikable Etappen auf, an die du dich dann hältst. Morgens brichst du früh, aber ausgeschlafen auf, fährst zügig, aber kontrolliert – am liebsten mit Tempomat – und kommst abends nicht zu spät an.

Der Tempokönig – Du sagst dir: Unterwegs gibt’s nur einen Gewinn – Zeit. Deshalb nutzt du jede Gelegenheit zum Gasgeben, zum Überholen, zum Dahinschießen mit Höchstgeschwindigkeit. Das macht dir Spaß und abends freust du dich über jeden Kilometer, den du weiter gekommen bist als der theoretisch ermittelte Tagesschnitt ergeben hat.

Die Zen-Gondel – Dein Motto: Der Weg ist das Ziel. Du fährst am liebsten Landstraßen, wobei du auf altmodisch-papiernen Straßenkarten jene Strecken aussuchst, die dort als „pittoresk“ ausgezeichnet sind. Dir kommt es aufs Fahrerlebnis an: Du kurvst die Kurven aus, genießt Ausblicke und Landschaftspanoramen und hast am Abend das Gefühl, etwas er-fahren zu haben.

Der Navi-Sklave – Du hast keine Lust, Strecken und Fahrzeiten zu kalkulieren, Hindernisse gegen Attraktionen abzuwägen – und verlässt dich deshalb ganz auf den Navi. Den lässt du die Gesamtstrecke auf einmal berechnen, befolgst gegebenenfalls sein Umleitungsempfehlungen und machst Pause oder Etappe, wenn du keine Lust mehr hast, länger hinterm Steuer zu klemmen.

Der Flaneur – Du schläfst morgens gern lang, lehnst jedes Plänemachen als zwanghaft ab und schlenderst mit deinem Auto durch den Verkehr wie ein Spaziergänger durch den Park, wie ein Bummler über den Boulevard. Hinweisschilder können dich ebenso leicht zu Umwegen verlocken wie eine attraktive kleine Stadt auf dem nächsten Hügel. Es ist dir vollkommen wurscht, ob und wann du irgendwo ankommst.

Genießen auf der N7

N7_caféCafé und Croissant: die Grundnahrungsmittel eines Vormittags auf der Route Nationale 7.

N7_PraslinDie Verkaufsräume von Praslines Mazet in Montargis, einem zauberhaften Städtchen an der Loing.

N7_Central.RoanneDas Bistro „Central“ von Monsieur Troigros in Roanne, wo wir am vierten Tag unserer Reise, vorzüglich gespeist haben. Das dazugehörige Restaurant trug über viele Jahre den Titel „bestes Restaurant der Welt“, verliehen vom Gault Millau.

N7_Guide_MichelinIm Foyer des Hotels Pic in Valence liegen Guide Michelins aus hundert Jahren in einer Glasvitrine. Die ersten Ausgaben wurden noch verschenkt an die Kunden von Michelin-Reifen. Hier eine Ausgabe aus dem Produktionsjahr unseres Opel Kapitän.

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Nach dem glücklich bewältigten Zwischenfall mit Käpt’n Kuck am Dienstag haben wir einen Tisch reserviert im Bistro des Sterne-Restaurants von Anne-Sophie Pic, dessen Name „7“ sich zum einen auf die Route Nationale bezieht, die dem Familienbetrieb seit Generationen die Gäste bringt. Der aber auch auf Pique 7 anspielt.

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N7_LyonLyon, eine europäische Metropole im 2. Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts: Eingezwängt zwischen horizontalen Asphalt- und vertikalen Betonkonstruktionen. Preisfrage: Findet ein/e Betrachter/in noch den Fluss, an dessen Ufer diese Stadt – nebenbei: es handelt sich um die antike Hauptstadt Galliens – vor über zwei Jahrtausenden gegründet wurde? Der über die vergangenen zwanzig Jahrhunderte die Menschen und ihr Waren transportiert hat – so, wie jetzt die „virtuellen“ Kanäle des Internets, über die wir unsere Postings transportieren?

DSCF7069Vor Lyon ist die N7 oft noch die schnurgerade Allee, als die sie ursprünglich angelegt wurde. Das Durchfahren fühlt sich an, als könnten und würden wir im nächsten Augenblick abheben – in Richtung grenzenloser Freiheit!

Im Sonnenschein der Mittagsstunde fahren wir durch Bressolles.

DSCF7037Madame Bernatot ist die Bäckersfrau in Bressolles. Vor ihrem Geschäft, die Fahrbahn ist nur einen Meter vom Schaufenster entfernt, fahren täglich 10.000 Lkw vorbei. Es wirkt, als tobe rund um die Uhr eine Elefanten-Stampede durch das Dörfchen, in dem die N7 eine enge Doppelkurve zieht und die Lkw-Fahrer zu geräuschvollem Herunterschalten zwingt. „Eigentlich ist Bressolles unbewohnbar“, sagt der Stellvertretende Bürgermeister, „zumindest die Häuser direkt an der N7“. Tatsächlich wohnt kaum mehr jemand dort. Madame Bernatot hat deshalb kaum mehr Kundschaft in ihrem sehr persönlich eingerichteten Laden. Wie das noch weitergehen soll, das weiß sie auch nicht. Aber sie sei ja schon alt, sagt sie – und verkauft uns leckere Eclaires („Liebesknochen“) und Pains raisins („Schneckennudeln“).

DSCF7097Käpt’n Kucks Aprilscherz

Auf Großer Fahrt lautet die wichtigste Regel für alle Youngtimer-Piloten: Auf alles gefasst sein, alles kann kaputt gehen! Dennoch wirkt es wie ein Keulenschlag, als die Maschine unseres rüstigen Käpt’n Kuck (Opels Topmodell aus dem Jahr 1956) bei der ersten ernsthaften Steigung seit dem Montparnasse plötzlich abstirbt. Einmal noch stottert das Aggregat unter dem prompt gegebenen Vollgas, dann herrscht Totenstille im Motorraum. Kein Zweifel: der 6-Zylinder kriegt keinen Sprit mehr. Wir sind verratzt in einem Nest namens Lapalisse.

Kann der Tank tatsächlich leer sein? Die Benzinuhr zeigt noch eine Viertelfüllung. Aber wer würde sich in so einer Situation auf ein 58 Jahre altes Instrument verlassen? Zum Glück ist es zur nächsten Tankstelle nicht weit. Aber auch der Inhalt des dort besorgten Ersatzkanisters bringt keine Abhilfe: Hans-Joachim, wie wir den Opel Kapitän nennen, wenn wir per du von ihm sprechen, springt nicht an. Sollte dies seine Form eines Aprilscherzes sein, so hilft uns hier Humor nicht weiter.

Monsieur Cantat, Tankwart und Autoschrauber aus altem Schot und Korn, kommt herbei in seinem rostigen Werkstattwagen – und stellt eine vernichtende Diagnose: Benzinpumpe kaputt. „Cassée“. Mit dem Fatalismus eines Mannes, der schon jeden Autotyp hat verenden sehen, spricht er das Urteil „irreparable“.

Nun wird uns doch der Mund trockener, als uns lieb sein kann, die Hände feucht. Hektisch hacken wir in unsere Handys, telefonieren mit der „Opel-Classic“-Abteilung in Rüsselsheim, wo freundliche Menschen uns Ideen zur Lösung unseres Problems liefern.

Noch wir geben nicht auf. Warum gelangt kein Benzin aus dem Tank zur Pumpe, warum liegen -filter und -leitung trocken? Monsieur Cantat brummt etwas, schraubt, brummt wieder. Fährt mit seiner Rostlaube in die Werkstatt. Bringt ein Stück Benzinleitung mit. Schraubt den Luftfilter ab, kleckert mit Benzin. Baut aus dem mitgebrachten Gummischlauch einen neue, improvisierte Treibstoffleitung.

Mit dem letzten Quentchen Batteriestrom lassen wir Hans-Joachim nochmal juckeln.

Und siehe da: Er springt an!

„Alles in Ordnung,“ brummt Monsieur Cantat, „ihr könnt weiterfahren!“ Natürlich kommen wir zunächst zu seiner Werkstatt, füllen dort unsern Tank voll, bezahlen M. Cantat, der seine Differenzialdiagnose inzwischen auf einen verstopften Benzinfilter oder aber auf einen undichten Gummiring am Benzinpumpengehäuse geändert hat, für seinen Einsatz – und lassen Lapalisse nach stressigen zweieinhalb Stunden hinter uns.

Danke, Käpt’n Kuck für deine Robustheit, deine unkomplizierte Art. Drückt uns bitte dennoch alle die Daumen, dass uns derartiges so schnell nicht wieder passiert!

DSCF6889In Chanteney-St. Imbert, einem malerischen Dorf an der Grenze zwischen Burgund und Auvergne, betreiben zwei Holländerinnen ein Gästehaus im Jagdschlösschen einer Gräfin aus Nevers. Der Treppenturm stammt aus dem 16. Jahrhundert. Abends essen die Bewohner der vier Gästezimmer gemeinsam an der großen Tafel in den ehemaligen Stallungen – eine internationale und entsprechend unterhaltsame Gesellschaft.

DSCF7138Heute sind wir wieder im Stromgebiet der Loire unterwegs, steigen im Chauteau Origny außerhalb von Roanne ab. Hier gibt es fünf historisch möblierte Gästezimmer, jedes so groß wie ein halbes Stockwerk im Kettenhotel, eine bis unter die Decke bestückte Bibliothek und im Foyer eine Figur, die den ausgestopften Braunbären am Treppenaufgang des Hauses Buddenbrook in der Lübecker Fischergrube wie einen zahmen Teddy wirken lässt.DSCF7141

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die helle, verlockende Seite der N7

CH9Q6467Bei Briare kreuzt ein Kanal die wilde, ungebändigte Loire. Unten der Fluss: hellgrüne Wasser, breiter als die Elbe vor Hamburg, strömen schnell meerwärts, hinterlassen ockerfarbene Sandbänke, unregelmäßige Tümpel und Urwald-Inseln. Oben das dunkelgrün-stehende Gewässer des Kanals: schnurgerade, schmal, von Metallschienen und glatten Mauern eingefasst. Die beiden Wasserlinien kreuzen sich dank einer Eisen-Konstruktion des genialen Gustave Eiffel aus den 1890er Jahren. Abends beleuchten kunstvoll verzierte Laternen den zivilisierten Teil dieser Kreuzung wie einen Bürgersteig in Paris, München oder Berlin. In einem der beiden properen Kanalwärter-Häuschen seitlich der Wasserstraßen-Brücke betreibt ein Chocolatier seit ein paar Jahren eine Café-Terrasse. Ein Goldgrube. Wir fotografieren hier morgens, allein und mit Muße.

nationale7.me_neversPostkartengrüße von der Loire: Adieu Nevers, adieu Moulins, adieu auch Du, Lyon! Denn auf der Brücke tanzt man schon im schönen Avignon ( Colin Wilkie „The Nationale 7“ – siehe Historie)

DSCF6719In Pougues-les-Eaux, steht das Tor einer einstigen Station Service heute jedem offen.

Menschen, die an der Route Nationale 7 leben und arbeiten

DSCF6666Yvette Ponty ist die Witwe eines Werkstattbesitzers in Bonny sur Loire. Sie möchte das große Anwesen, das sie von ihrem „viel zu früh“ verstorbenen Ehemann geerbt hat, gern verkaufen. Doch niemand interessiert sich oder gibt gar ein Gebot ab für das Gebäude-Carré, für die verbliebenen Werkzeuge, Reifen, Rennautos.

DSCF6808Ein paar Jahre lang hat Olivier Quenault um High-Tech-Park oben an der Rennstrecke von Magny-Cours gearbeitet, hat Titan- und Magnesium-Werkstücke verarbeitet, computergesteuerte Technik in Testwagen und Boliden eingebaut. Irgendwann wollte er das nicht mehr. Er machte sich selbstständig, mietete eine kleine Werkshalle auf dem Weg ins alte Dorf Magny-Cours und restauriert dort seither Kundenfahrzeuge. Darunter etwa ein Porsche 911 aus den 1970ern im Renn-Einsatz, eine Chevrolet Stingray und ein Renault R8 Gordini.

DSCF6863Gaston (l.) betreibt eine Fernfahrer-Kneipe an einer der wenigen Stellen, wo die RN7 zwischen Nevers und Moulins nur zweispurig geführt wird. Sein Parkplatz sieht aus wie aus Steven Spielbergs Debütfilm „Duell“; an seiner Theke versammeln sich Trucker aus aller Herren Länder. Denn Gaston kennt sich aus mit dem Leben am und über dem Asphalt, auch in der neuen Welt: Jahrelang war er Wirt einer Fernfahrerkneipe im kanadischen Quebec. Als er vor sieben Jahren zurück kam in seine zentralfranzösische Heimat, hat er die ehemalige Total-Tankstelle von St. Pierre-le-Moutier umgebaut in eine „Fritterie“, wo er neben 3-gängigen „Menus les routiers“ auch eine warme Dusche für seine Gäste mit vier und mehr Achsen anbietet.

the dark side of the N7

nationale7_N7_dark.meTag 2 unserer Tour, die Etappe von Fontainebleau nach Briare, zeigt uns die verfallenen, die aufgegebenen und die schwierig gewordenen Seiten der europäischen Hauptverkehrsader. Wir passieren Ruinen, leere oder radikal anders genutzte Gebäude, Gelände, Unternehmungen. Am unheimlichsten das verblasste, zu Teil schon überwucherte Gasthaus „Zum Goldenen Fisch“ („Poisson Doré“) , schlank gebaut zwischen dem Asphaltband der RN7 und dem Flusslauf der Loing („Terrasse au Bord de l’eau“). Es sieht aus, als hätten hier zuerst Alfred Hitchcock und dann Roman Polanski einen Drehort für gruseligste Szenen oder sogar für ganze Filme gefunden.

nationale7_5.13Eine aufgegebene Autowerkstatt im Tal des Flusses Loing. Bis 2008 gab es nebenan ein schickes  Restaurant. Im Jahr 2010 hat ein junges Ehepaar das mehrflügelige Gebäude gekauft und sich daraus einen großzügige Heimstatt gebaut. Noch ist dort vieles unverputzt.

nationale7_4.82Am Ortsausgang von Nemours bietet das „Relais Savoyard“ ein komplettes Frühstück („mit grossem Heissgetränk“) und Fruchtsaft für 4 Euro, ein dreigängiges Tagesmenü ab 10,80 Euro an. Wochentags öffnet die Fernfahrerkneipe an der Esso-Station schon um 05:30. Dennoch laufen die Geschäfte nicht gut.

nationale7_3.69Niemand weiss, welchen Geschäften die Menschen hinter den Scheiben des Betonbaus aus den 1960ern nachgegangen sind, die heute großteils eingeworfen oder beschmiert sind. Vorn, an der RN7, gab es eine Tankstelle  mit Reparatur-, Waschservice und allem anderen, was man damals erwarten durfte. Ganz hinten ein fensterloses Fabrikgebäude, das an die flurbereinigten Riesenfelder des Loire grenzt. Aber dazwischen? Wer hat dort woran und wie lange gearbeitet? Heute, am Sonntagnachmittag, ist auf dem Parkplatz eine Handvoll Autos abgestellt. Sollten die Eigentümer beruflich pendeln: Wohin? Oder gehen sie dunklen Machenschaften nach in diesen Ruinen des alten Europa?

nationale7_2.89Ein ehemaliges Fernfahrer-Restaurant („Les Routiers“) in La Comodité, Department Loiret. Hinter dem Haus ein riesiger Parkplatz, auf dem selbst Fernlastzüge bequem abgestellt und dann gewendet werden können. Doch kein Fernlastzug, kein Bus, nicht einmal mehr ein holländisches Wohnwagengespann findet seinen Weg nach La Comodité. Alle nutzen die nahe gelegene Autobahn A6. Entsprechend schlecht geht es der „Auberge de la Route Bleue“.

nationale7_1.78Wenige Kilometer entfernt das idyllische Städtchen Nemours, wo die Nationale 7 den Fluss Loing auf einer alten Steinbrücke überquert.

les garages

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Wer mit dem Wagen liegenblieb, fand auf der Nationale 7 alle paar Kilometer eine Werkstatt, die mit einem neuen Keilriemen, einer neuen Kühlerschlauchschelle oder einer Aufpuff-Aufhängung weiterhelfen konnte. Die Schrauber mit ihren ölverschmierten Overalls bildeten die Infrastruktur für die Massen-Automobilisierung zwischen 1950 und 1980. Die Tankstelle am Eingang zum Foret de Fontainebleau wurde lange schon aufgegeben. Das Gelände steht zum Verkauf.

la route

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En route. Die historische N7 unterquert den Flughafen Orly in einem sechsspurigen Tunnel. In den 1950ern, bevor ihm die futuristische Architektur des Aeroport Charles de Gaulle den Rank ablief, war Orly der Startpunkt der Pariser in die Welt der Zukunft. Außerhalb der Banlieu erinnert die Trasse der N7 noch an alle grossen Alleen und Fernstraßen die Napoleon durch Europa bauen liess. Die alte Chaussee zwischen Hamburg und Bremen sieht fast genauso aus. Die alten Michelin-Straßenkarten aus den 1960ern geben uns noch heute Orieniterung, wenn wir den Verlauf der alten Trasse zwischen den Autobahnen, Umgehungsstraßen und Gewerbegebieten suchen.

Paris

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Start in Paris: Die Stadt spiegelt sich im Lack und in den Scheiben unseres Opel Kapitän, Bj. 1956. In der  L-Version bietet der innen wie außen mehr Chrom, das Armaturenbrett ist auch auf der Beifahrerseite gepolstert. Unser erster Stopp im Straßencafé der Place d’Italie. Es ist Samstagnachmittag, nebenan in der Marie du XIIIème findet eine Trauung nach der anderen statt. Auf dem Weg raus aus der Stadt dann der erste Hinweis auf die alte historische N7.

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Route Nationale 7 – die längste Straße zum Strand

Die historische Strecke vom Pariser Stadtzentrum bis an die italienische Grenze ist fast 1000 Kilometer lang. Bei unserer Reise entlang dieser einstigen Hauptverkehrsader wollen wir den Sehnsüchten jener Zeit nachspüren, in der eine Straße die Menschen ans Ziel ihrer Träume bringen konnte. Wir wollen herausfinden: Was lässt sich noch auffinden von diesem Zauber? Was hat sich verändert – und was neu hinzugekommen?

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Vom „Point Zero“, einer Messingmarkierung auf dem Platz vor der Cathédrale Notre Dame, starteten dereinst alle französischen Nationalstraßen. Die N7 war hiervon die längste: Sie führt von der Insel in der Seine nach Süden, kreuzt an der Porte d’Italie die Péripherique, nutzt einen Tunnel unter dem Flughafen Orly und kommt dann in den Wald von Fontainebleau.

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